Andreas Goldthau

Review of OPEC book in DIE ZEIT

Im Griff der Spekulanten

Ein kluges Buch beschreibt den schleichenden Machtverlust des Ölkartells.

Als Mitte 2008 Öl und Benzin so teuer waren wie nie zuvor, war wenig die Rede von einem Staatenverbund, der in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder als Preistreiber par excellence gegolten hatte. Nicht die Organisation der Erdöl exportierenden Staaten (Opec) wurde als Hauptschuldiger für die rasant gestiegenen Ölpreise ausgemacht, sondern wahlweise Spekulanten, Rohstoffkonzerne oder die neuen Wirtschaftsmächte in Fernost. 1973, auf dem Höhepunkt der ersten großen Ölkrise, war das ganz anders: Politik und Öffentlichkeit gaben nur einem die Schuld für die autofreien Sonntage und die langen Schlangen vor deutschen Tankstellen: dem Kartell der Opec.

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Das war schon damals falsch. Nicht das Kartell als Ganzes war verantwortlich für die Krise, sondern seine Mitglieder Saudi-Arabien und Kuwait, die Öl als Waffe im Nahostkonflikt einsetzen wollten. Und nicht deren Embargo verursachte Versorgungsengpässe für Verbraucher im Westen, sondern eine durch Panik und Hamsterkäufe dort ausgelöste Nachfragewelle. Schon 1973, so die beiden Politikwissenschaftler Jan Martin Witte und Andreas Goldthau, war die Opec also weniger mächtig als angenommen.

In diesem Jahr wird das Kartell 50 Jahre alt. Nach wie vor ist der Ölpreis einer der wichtigsten Preise überhaupt, der schwarze Rohstoff bis heute das Schmiermittel der Weltwirtschaft. »Die verlässliche Versorgung mit Öl ist von enormer politischer Bedeutung, die Kontrolle über den Ölmarkt Schlüssel zu Wohlstand und Macht«, urteilen Witte und Goldthau. Zum Opec-Jubiläum haben sie sich in einer spannend geschriebenen Rückschau detailliert mit der Geschichte der Organisation auseinandergesetzt – und die Frage gestellt, ob die Opec als einflussreiches Kartell noch einmal 50 Jahre überleben wird.

Zweifel daran sind angebracht. Als sich Irak, Iran, Kuwait, Venezuela und Saudi-Arabien 1960 in der Opec verbündeten (bis 2008 kamen acht weitere Staaten hinzu), ging es ihnen vor allem um eine bessere Koordinierung der Ölpolitik und um einen stabilen Ölpreis. Aber von Anfang an prägten divergierende Interessen die Opec-Politik. Die einen wollten – wie Saudi-Arabien – eine eher moderate, langfristig angelegte Preispolitik, die anderen drängten (wie etwa Nigeria) auf kurzfristig hohe Einnahmen für den eigenen Staatshaushalt.

Höhere Preise konnte das Kartell nur dann durchsetzen, wenn es am Markt eine relative Knappheit gab. Sein Einfluss hing also vom Marktgeschehen ab – und das, so die kluge Analyse der Autoren, funktioniert bis heute nach den Prinzipien des Schweinezyklus: Steigende Preise führen regelmäßig zu höheren Investitionen; neue Anbieter drängen auf den Markt, neue Ölfelder werden erschlossen, das Angebot steigt, und damit sinkt dann wieder der Preis.

Geradezu vorbildlich zeigte sich dieser Mechanismus Ende der siebziger Jahre: Für die Sowjetunion, Norwegen, Großbritannien oder die USA war der rasante Anstieg der Preise Anreiz genug, die Produktion auszuweiten und neue Kapazitäten zu erschließen. Erst die Ölpreisschocks von 1973 und 1979 rechtfertigten die intensive Ausbeutung der Vorkommen in der Nordsee und in Alaska. Das wiederum machte Ölmultis wie BP, Shell oder Exxon aufs Neue zu mächtigen Mitspielern im internationalen Ölgeschäft.

Zeitgleich zwangen die Ölkrisen die Konsumenten zum Umdenken. Sprit sparen und ein effizienterer Umgang mit Energie waren plötzlich angesagt; Umweltbewegungen und grüne Parteien gewannen an Einfluss. Gas und Atomkraft begannen Öl zu ersetzen. Anfang der achtziger Jahre sank die Nachfrage nach Erdöl in allen Industrienationen des Westens, 1986 fiel der Ölpreis ins Bodenlose.

Aber nicht nur durch das Wiedererstarken alter (die Ölmultis) und das Aufkommen neuer Akteure (die Nicht-Opec-Produzenten) wurden die Karten auf dem Ölmarkt neu gemischt. 1988 wurde an der Londoner Börse das erste Future auf die Nordsee-Marke Brent gehandelt. Terminkontrakte, so Witte und Goldthau, bestimmten nun über den Ölpreis mit. Auf einem »liquiden, globalisierten Markt« war der Ölhandel fortan nicht nur von Produzenten und Konsumenten geprägt, sondern auch von den Finanzakteuren. Ölpreise waren also »von Erwartungshaltungen bestimmt, von Reflexionen über zukünftiges, vor allem auch spekulatives Verhalten«, schreiben die Autoren.

Das gilt bis heute. Ebenso sehr gilt aber auch, dass sich der Ölpreis nicht völlig von den »realen« Marktverhältnissen lösen kann. Dies ist der Grund dafür, dass die Opec, die Mitte der achtziger Jahre weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand, zur Jahrtausendwende wieder auf die große Bühne zurückkehrte. Dort spielten mit unabhängig gewordenen Ländern wie Aserbaidschan oder Kasachstan inzwischen zwar weitere Produzenten mit, zugleich aber war der Ölbedarf durch den globalen Wirtschaftsboom stark angestiegen. 1990 hatte die Welt noch 66,8 Millionen Barrel Öl pro Tag verbraucht. 2007 waren es schon 85,2 Millionen. Und glaubt man den Projektionen der Internationalen Energieagentur, werden es 2030 über 105 Millionen Barrel sein.

Trotz der in Zeiten des Klimawandels propagierten »Energiewende« wird Öl damit zwar relativ zu Gas oder erneuerbaren Ressourcen an Bedeutung verlieren, in absoluten Zahlen aber vorerst der weltweit dominante Energieträger bleiben. Der Ölmarkt sei auf absehbare Zeit »ein harter Anbietermarkt«, meinen Witte und Goldthau. Weil sich viele vergleichsweise leicht zugängliche Ölquellen langsam erschöpfen und der Zeitpunkt näher rückt, von dem an die weltweite Ölförderung kontinuierlich sinken wird, zeigt der Ölpreis also tendenziell weiter nach oben. Mitte 2008 erreichte er seinen vorläufigen Höchststand von 147,20 Dollar pro Barrel. Er dürfte noch höher steigen.

Wird die Opec davon profitieren? In den vergangenen Jahren haben die hohen Ölpreise den Ölmultis und den Öl produzierenden Nationen ungeheuer viel Geld in die Kassen gespült; auch in Zukunft werden die Opec-Staaten den Löwenanteil der globalen Ölvorkommen besitzen. Allerdings wird deren Förderung immer schwieriger und ihre Erschließung immer teurer. Zugleich bleiben Opec- und Nicht-Opec-Länder Konkurrenten um Marktanteile. Gegenwärtig ist Russland mit einer Tagesproduktion von über zehn Millionen Barrel das weltgrößte Ölförderland.

Das macht es weiter schwierig, die Ölpolitik zu koordinieren und den Ölpreis zu kontrollieren. Beides dürfte noch komplizierter werden, wenn der Irak seinen Platz als führender Ölproduzent zurückerobert. »Für Saudi-Arabiens unangefochtene Führerschaft in der OPEC könnte dies neue Konkurrenz bedeuten«, schreiben die Autoren. Und für die Opec insgesamt mehr Streit.

Witte und Goldthau haben ein lesenswertes Buch geschrieben. Ein wirklich bestimmender Machtfaktor im weltweiten Ölpoker, so ihre schlüssige Analyse, dürfte die Opec in Zukunft kaum noch sein. Das heißt nicht, dass das Kartell nicht hier und da den Gang der Weltpolitik beeinflusst – und sei es unbeabsichtigt. So war es Ende der Achtziger Jahre, als der rasante Ölpreisverfall dem sowjetische Imperium den letzten großen Schlag versetzte. »Michail Gorbatschows Perestroika war damit zum Scheitern verdammt«, urteilen die Autoren. Der Rest ist Geschichte.

Die Zeit, 18 March 2010

http://www.zeit.de/2010/12/Rezension-Geschichte-der-OPEC

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