Andreas Goldthau

Review of OPEC book in Sueddeutsche Zeitung

Schlagkräftiges Kartell der Ölstaaten

Als die Ölkrise im Herbst 1973 in Deutschland zu vier autofreien Sonntagen, Hamsterkäufen und Schlangen an den Tankstellen führte, war schnell ausgemacht, wer daran schuld war: Die Organisation erdölexportierender Staaten (Opec). In Wahrheit, so analysieren Jan Witte und Andreas Goldthau, spielte die Opec, die 2010 ihr 50-jähriges Bestehen feiert, dabei nur zum Teil eine Rolle. Hauptprotagonisten waren Saudi-Arabien und Kuwait, die mit der Waffe Öl ihren politischen Forderungen Nachdruck verleihen wollten.

Der Ölmarkt ist einer der am meisten politisierten Märkte überhaupt. Öl wird als „schwarzes Gold” bezeichnet, was die Bedeutung des Rohstoffs dokumentiert. Die moderne Kriegsführung hängt wesentlich vom Zugang zu Öl ab. Dies erkennend, gründeten der Irak, Iran, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela 1960 die Opec. Bis 2007 schlossen sich sieben weitere Staaten an. Die Mitgliedstaaten der Opec galten damals trotz ihres Ölreichtums als Entwicklungsländer und machten sich zum Anwalt dieser Gruppe. Das Hauptziel des Opec-Kartells mit Sitz in Wien war es, die Ölpolitik der Mitgliedsländer zu vereinheitlichen sowie die Einkommen aus dem Ölgeschäft zu sichern. Öl ist als Basis für Kraftstoffe, in der Stromerzeugung und in der Industrie der wichtigste Primärenergieträger der Welt. Die Ölproduzenten sind sich dieser Macht bewusst.

Anlässlich des Opec-Jubiläums haben sich die Autoren eingehend mit dem Rohstoff Öl und der Geschichte des Kartells befasst. Die Opec ist vor allem Teil der Geschichte des Mittleren Ostens, dessen Politik und Kriege zu beiden Ölpreisschocks (1973 und 1979) führten. Nach der Bombardierung israelischer Militärstützpunkte durch Ägypten am Jom-Kippur-Tag 1973 wandte sich die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir an US-Präsident Richard Nixon, der Waffen nach Israel lieferte. Die Lieferung war kriegsentscheidend. In den USA bestand aber die Angst, sich damit Länder wie Saudi-Arabien zum Feind gemacht zu haben. Zu Recht. Fast im Alleingang beschlossen die sechs Produzenten am Golf eine Preiserhöhung pro Barrel Öl (159 Liter) von 2,90 Dollar auf 5,11 Dollar, im Folgejahr auf zwölf Dollar. Hinzu kam ein Einschnitt der Ölförderung von fünf Prozent, dem weitere folgten.

Den Deutschen blieb eine Benzinpreiserhöhung von 40 Pfennig je Liter in den sechziger Jahren auf 64,9 Pfennig 1973 und 87,9 Pfennig 1976 in Erinnerung. Der Westen stand unter Schock. Die Medien schürten die Angst, und es kam zu Hamsterkäufen, so dass Engpässe hausgemacht waren. 1974 gründete der Westen die Internationale Energieagentur (IAE), um neue Energieformen und eigene Ölquellen zu suchen. Öl war zu wichtig, um es den Arabern zu überlassen.
Die Opec war gespalten, denn die aggressive Preispolitik führte in den achtziger Jahren zu einem Marktkollaps. Die Geschichte der Opec, das zeigt das Buch, ist eine Geschichte von Konsumenten und Produzenten. Beider größter Feind ist die Preisvolatilität. Gibt es also einen 100. Geburtstag der Opec? Die Interessen der Mitglieder sind gespalten, aber die Autoren geben sich optimistisch. Trotz der in einigen Konsumentenstaaten eingeleiteten Energiewende bleibt Öl Primärenergieträger. Länder wie China und Indien sind kaufkräftige Kunden geworden. Der internationale Ölmarkt bleibt ein „harter” Anbietermarkt. Wie andere internationale Institutionen wird wohl auch die Opec nicht wieder abgeschafft – auch wenn die Klimadebatte das Öl in Frage stellt und die Globalisierung den Ölmarkt drastisch verändert.

Ein mehr als lesenswertes Buch.

Indira Gurbaxani

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